Posts mit dem Label Zu Unrecht liegen Gebliebenes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zu Unrecht liegen Gebliebenes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

13 Januar, 2017

Zu Unrecht liegen geblieben 01/2017

Endlich die ungeliebten Weihnachtsgeschenke umtauschen: Denn neben Gewand, das weder passt noch gefällt, ist ebensolche Musik und Literatur sicherlich das unpackbarste Weihnachtsgeschenk. Schon wieder den "Schatz am Silbersee" geschenkt bekommen?

Wie wäre dessen Umtausch in dieses Buch aus dem Finanzbuchverlag: André Kostolany mit "Mehr als Geld und Gier. Kostolany Notizbuch". Der gebürtige Ungar André Kostolany kam in jungen Jahren nach Paris und wurde dort vom Börsenfieber infiziert, das ihn Zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen hat.
Im Jahr 2016 wäre Kosto, wie er auch genannt wurde, 110 Jahre alt geworden, außer der Börse hat ihn Journalismus fasziniert und so hat er über viele Jahre hindurch Kolumnen für Capital geschrieben. Überhaupt hat er alle verfügbaren Unterlagen für seine hier versammelten Notizen genützt: Fahrkarten, Servietten, Rechnungen. Über mehr als siebzig Jahre der konkreten Beschäftigung mit Wirtschaft und Börsen - in die auch beide Weltkriege und wirtschaftliche Krisen fielen -, hat Kosto einen reichen Erfahrungsschatz angesammelt, der mit diesem Buch wieder ein Stück mehr zugänglich gemacht wird. Zum Teil gibt es Überschneidungen mit anderen Büchern Kostolanys, das macht aber nichts, unterhaltsam und überraschend sind seine Erkenntnisse allemal. Somit ist dieses Buch nicht nur für Kostolany-Einsteiger geeignet.

Eine gute Wahl ist die CD "Walking On The Edge Of The World" von Doug Seegers. Ein Titel als Programm, denn Seegers war in seinem Leben fürwahr ein Grenzgänger. Einst obdachlos in Nashville, wurde er durch ein von ihm gespieltes eigenen Stück in einer Dokumentation über Menschen auf der Straße bekannt. Musikalisch zeigt Seegers eine gekonnte Mischung aus Country, Bluegrass und Country-Rock. Eingängige Songs sind auf "Walking On The Edge Of The World" versammelt, es ist gar ein Duett mit Emmylou Harris dabei. Mit etwas mehr Lebensglück würde dieser Mann nun sein Spätwerk angehen. Stattdessen startet er gerade erst so richtig durch. Weiter so, Ende Oktober 2016 war Seegers in Wien zu Gast und hat die Stücke der neuen CD mitreißend im B72 präsentiert. Tolles Album.


Oder: Andrea Pancur Alpen Klezmer mit ihrer CD "Zum Meer" - eine CD, so eigenwillig wie ihr Titel. Man muss sich auf diesen wilden Ritt schon einlassen, dann eröffnen sich ungewohnte Einblicke: Denn was man nicht für möglich gehalten hat, schafft Pancur tatsächlich - eine Symbiose aus alpenländischen und aus Klezmer-Klängen. Zum Teil im Dialekt und zum Teil in jiddischer Sprache vorgetragen, ein eigenständiger Hybrid, der sich etwa im Stück "Auf'm Markt in Obagiasing" verdichtet, bei dem Pancur zu einem jiddischen traditional einen 'bayrischen' Inhalt dazu setzt - interessant. (jpl)

Dancas Ocultas: "Amplitude" (9/10)
André Kostolany: "Mehr als Geld und Gier. Kostolany Notizbuch" (www.m-vg.de) (8/10)
Andrea Pancur Alpen Klezmer: "Zum Meer" (8/10)
Doug Seegers: "Walking On The Edge Of The World" (9/10)

Live:
Sa 14.01.2017: Townes van Zandt-Abend, Local, 1190 Wien, 20h
Mi 18.01.2017: Theater Akzent, Festival in between: Jelena Popržan & als Gäste Gansch/Lechner/Schuberth/Baheux

Festival in between: Jelena Popržan, Bratschistin, Sängerin & Performerin, bekannt durch ihre Ensembles Catch-Pop String-Strong, Sormeh und Madame Baheux, gestaltet einen Abend mit den „Alt-Melker“ Gästen Thomas Gansch, Otto Lechner und Paul & Richard Schuberth sowie ihren Kolleginnen von Madame Baheux – Ljubinka Jokić, Lina Neuner und Maria Petrova.
Wer hier welche angebliche Kultur repräsentiert, ist fraglich. „Crossover“ wird nur über die gängigen Klischees hinaus passieren, dafür aber elektrisieren. Von Bach bis Brecht, Šaban Bajramović bis Charles Aznavour, Milcho Leviev bis Richard Schuberth und vielen Originalkompositionen aller Beteiligten, die aus den Genres wie Jazz, Rock und verschiedenen volksmusikalischen Traditionen des Balkans geflochten sind. Nicht entgehen lassen!
Jelena Popržan – Viola, Gesang
Thomas Gansch – Trompete, Gesang
Otto Lechner – Akkordeon, Keys
Paul Schuberth – Akkordeon
Ljubinka Jokić – E-Gitarre, Gesang
Lina Neuner – Kontrabass, Gesang
Maria Petrova – Schlagzeug, Gesang
Special guest: Richard Schuberth (Gesang)

Do 26.01.2017: Ballsaal Palindrone, Sargfabrik. Gäste: Parasol (Frankreich)
Fr 27.01.2017: Ja Ja Ja-Festival, WUK, Währinger Str. 59, 1090 Wien, 20h
Sa 28.01.2017: Novi Sad, "himmel and hölle"-tour, DAKIG, Gänserndorf, 20h
Sa 28.01.2017: Anne Dromeda, Scrappy, Mariahilfer Gürtel 18, 1060, 20h
Mi 25.2.-26.3.2017: Akkordeonfestival 2017, siehe http://www.akkordeonfestival.at

25 April, 2014

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 04/2014

Seit mehr als einem Jahr liegen geblieben und dennoch zeitlos: Die CD "Chaal Baby" von Red Baraat, dem von Brooklyn aus agierenden Weltmusik-Kollektiv rund um den dohl-Spieler Sunny Jain. dohl ist eine nordindische Trommel, sie liefert die Basis für einen tanzbaren Hybrid zwischen Bhangra, Jazz, Latin, Funk und Go-Go! Live sicher unpackbar, auch auf der CD spürt man schon wie hochenergetisch hier agiert wird!
"What Have We Done?" fragen Freesome, das ist die Band um den von Wien aus agierenden Gitarristen Matthias Waldthaler. Waldthaler stammt aus Südtirol und werkt übrigens bei Balkan Tango Vibes, deren Debüt-CD im Juni 2014 erscheinen wird. Die Freesome-Stücke beginnen meist zart, mit ein paar Gitarrenläufen und mit Sängerin Alexandra Grandl, um in weiterer Folge doch einen Ausbruch zu suchen. Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Eine passable 6-Song-EP, Anspieltipp: Spanish Nights.
Aus Sydney, Australien kommt diese CD zu uns: Hinter Tice & Evans stecken zwei Schwergewichte, Dave Tice war in den 1970er bei Buffalo und Mark Evans war gar im Original-Line-Up von AC/DC. In ihren älteren Jahren sind diese beiden Herren von der Rock'n'Roll auf die Blues-Seite des Lebens gefallen, trotzdem macht das Spaß, was sie aktuell vom Stapel lassen. Die Kraft ist noch da, wie dieser Live-Mitschnitt aus dem Bridge-Hotel in Sydney zeigt.
Was jetzt folgt, ist die Band Die Türen vermutlich gewöhnt: Die Türen polarisieren lustvoll, manche lieben diese Band, für manche ist sie eher unpackbar. Warum? Textauszug: "Dieses Lied ist gegen Deutschland, dieses Lied ist gegen Alkohol, dieses Lied ist gegen Sozialarbeiter, dieses Lied ist gegen Religion, Dieses Lied ist gegen Geld, dieses Lied ist gegen Revolution, dieses Lied ist gegen Medien, dieses Lied ist gegen Techno usw." Hier wird alles verbraten, was gerade aktuell scheint, "Don't google yourself" ist aber genauso zahnlos wie das obige Textzitat. Manches gelingt: "Schwarzes-gelbes Unterseeboot" oder "Leben oder Streben" sind z.T. witzig: "Dasein muss doch reichen und die Reichen müssen da sein, wenn man sie braucht." Und weiter: "Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe. "Dieses Lied braucht eine Chance!", singen Die Türen selbst. Na gut, diese Band auch. (jpl)

Live-Tipps:
Fr 25.4.2014: Katrin Navessi, Heureka, 20h, Skodagasse 17, 1080 Wien
Sa 26.4.2014: Jelena Popržan / Tini Trampler, 9er Bar, Niederkreuzstetten, 19:30h
Sa 26.4.2014: Boxer John, Benefiz für Iran SOS, WUK, 1090 Wien, pph-Raum, 20:30h

Freesome: "What Have We Done?" (6/10)
Red Baraat: "Chaal Baby" (8/10)
Tice & Evans: "Live at the bridge" (7/10)
Die Türen: "ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ" (4/10)

03 Februar, 2014

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 02/2014

Vieles würde unter den Tisch fallen, würde es diese Rubrik nicht geben. Das wäre gerade in diesem Monat schade, würde einem doch "Still Flyin'" oder "Of Montreal" entgehen. Damit sind wir schon mitten drin: Eigentlich war es keine totale Überraschung, denn schon das Cover des elften Studioalbums von "Of Montreal" lässt Rückschlüsse zu: Es ist ein gemaltes Bild, das in seiner bewusstseinserweiternden Buntheit durchaus an Yellow Submarine von The Beatles erinnert. So gibt sich auch die Musik mit Fortdauer der CD gleichsam beatlesk, schöne Melodien, Brüche und mehrstimmige Chöre inklusive. Die Lieder treiben ordentlich vorwärts und sind ob der psychedelischen Reminiszenzen überdurchschnittlich gut. Im versponnenen und dennoch kraftvollen Schlussstück "Authentic Phyrrhic Remission" folgt auf den Ausbruch die Reduktion, es nimmt sich mehr als 13 Minuten Zeit zur Entfaltung und ist auch für U-Boot-Fahrten geeignet.
Ganz anders rocken die Salzburger von Betty's Apartement: Auch wenn sie ihre CD "Silence In The Sound" nennen. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch, auch mal denglisch blicken die Arrangements und Gitarrenwände dem Punkrock ins Gesicht, das hat Kraft und die Texte passen auch. Gut gemacht.
Die Abarbeitung von liegen gebliebenen CDs ist auch eine Befreiung, aber das nur nebenbei. Das Reduzieren des Stapels geht weiter mit: Joshua und ihrem Album "Choices", das sich in der Nähe von Betty's Apartement wiederfindet. Die Band aus dem Bundesstaat New York meldet sich nach rund 5 Jahre andauernder Pause mit kraftvollen Gitarren und wunderbaren Hooklines wieder zurück, die CD wird uns vom verdienstvollen deutschen Label Arctic Rode Recordings zugänglich gemacht. Anspieltipp: "Mean What You Say"
What next? Ah, endlich: Fargo aus Linz mit "Violations in E & A". Nicht erst mit ihrem fulminanten Auftritt im WUK 2013 haben sich die 4 aus OÖ zur Lieblingsband hochgespielt. Die Songauswahl ist exzellent und beweist exquisiten Musikgeschmack wie Geschichtsbewusstsein, sie reicht von Tom Waits und Paolo Conte bis zu Ray Davis. Die Lieder sind schön - auch mal mit Trompete und Toy-Piano arrangiert - nicht zu vergessen: Das Hank Williams-Cover des Klassikers "Ramblin' Man", das durch seine Schlichtheit besticht und das Herz anrührt. Die Band macht franko- und italophil angehauchte Indie-Bar-Americana-Musik, kurz: Eine wunderbare CD, einfach anhören und auch unbedingt mal live ansehen!
Das gilt auch für die US-Band Still Flyin', deren Album "On A Bedroom Wall" via staatsakt nach Europa gekommen ist. Die Presseinfo schreibt, die Band wäre 80er-Jahre retro und dennoch im Jetzt - und hat Recht. Freundliche Synthie-Sounds treffen auf freundliches Songwriting, das passt. Die Kalifornier um Bandleader und Songwriter Sean Rawls erinnern zuweilen an New Order oder Human League, produziert hat Hamia Marriott von Architecture in Helsinki. Absolute Empfehlung.
Ein in sich kompaktes Album hat die Hamburger Band Die Heiterkeit mit "Herz aus Gold" aufgenommen. In der HH ist DH bereits Kult, vielleicht liegt es an der lapidaren Art des Vortrags, den Stella Sommer in der Alt-Lage umsetzt. Cool ist die Selbstinszenierung dieser Band schon. Noch bevor es einen Song gab, wurden Bandfotos gemacht. So kommt das Album hingerotzt und ein bisschen schräg rüber, kurz: Es ist ein Debüt-Werk, dem man die Jugend anmerkt, bei dem auch die Instrumente nicht immer optimal bedient werden und das Schlagzeug auch mal ruckelt. Inhaltlich geht es oft ums Herz, siehe Titel, da heißt es z.B.: "Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen." Klar, Lassie-Singers, Hamburger Schule und die NDW sind keine neuen Nachrichten mehr - und irgendwo zwischen diesen Koordinaten bewegt sich diese Band, wenn auch zuweilen ein wenig dilettantisch.
Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, bis Die Heiterkeit soweit sein werden wie die nächste Band, die in ihrem eigenen Universum agiert: Stereo Total sind tatsächlich Kult und stellen dies auch mit Album Nr. 11 "Cactus vs. Brezel" unter Beweis. Billige Synthies oder gar Heimorgeln, gegengeschnitten mit Disco-Rhythmen und lustigen Texten. "Cactus vs. Brezel" ist auch: Deutschland vs. Frankreich, Lied vs. Chanson, 70ies vs. 60ies. Und das sind natürlich keine Widersprüche, sondern einander ergänzende Gegensätze. Wie heißt es in der Presseinfo so schön: "Cactus vs. Brezel" ist ein Hit-Album für das metrosexuell-orientierte Landei in uns. Ah, qui!
Vom Land in die Stadt: Coy macht auf "All Spots On Me" gereifte Pop-Rockmusik, der man manchmal ein wenig mehr Verschnaufpausen gönnen möchte. Das Debüt-Album von Coy entfaltet seinen Zauber am besten, wenn es auf die ruhige Karte setzt. "I need silence to understand the music", heißt es im Schlussstück vielleicht schon programmatisch, das sich als Ohrwurm zeigt (dafür gibt es einen Extrapunkt) - mal hören wie es mit Coy weitergehen wird.
Auch "Rush For Second Place" von Protestant Work Ethic begeistert in aller Ruhe: Die CD beginnt recht traditionell, um sich immer mehr dem Alternative Country zu zu wenden und mit einem Schritt in Richtung Jazz zu gehen. Dazwischen ist auch mal Platz für einen Bläsersatz. Und dann holt die kongeniale Band bei "Racing In The Rapids" zu einem lupenreinen Country-Song aus. Dann gleich wieder Reduktion - so halten Protestant Work Ethic die Spannung bis zum Schluss. Alle Lieder stammen von Simon Usaty, der die Stücke auch gemischt hat und übrigens bei der aktuell vielleicht interessantesten österreichischen Band, bei Pabst, mitspielt. Kurzum: "Rush For Second Place" ist eine schöne CD für die ruhigen Momente des Lebens. (jpl)

Betty's Apartement: "Silence In The Sound" (7/10)
Coy: "All Spots On Me" (7/10)
Die Heiterkeit: "Herz aus Gold" (5/10)
Fargo: "Violations in E & A" (8/10)
Joshua: "Choices" (7/10)
Of Montreal: "Paralytic Stalks" (9/10)
Protestant Work Ethic: "Rush For Second Place" (8/10)
Stereo Total: "Cactus vs. Brezel" (7/10)
Still Flyin': "On A Bedroom Wall" (8/10)

03 Januar, 2014

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 01/2014

Man nehme als musikalischen Rahmen diverse Koordinaten auf der Nordhalbkugel: Eine Insel in der Karibik (St. Vincent?), eine Stadt im Süden der U.S.A. (New Orleans?), Wüsten im Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten von Mexiko und von Amerika. Bei New Orleans aber nicht den lauten Jazz heutiger Clubs in der Bourbon Street, sondern den fingerschnippenden Jazz von früher. Auch Blues ist von dieser Seite des Mississippi-River nicht mehr weit entfernt. Mit diesen Versatzstücken operieren JC and the Supernumararies und liefern Stücke ab, irgendwo zwischen Tejano, Harry Belafonte und Tom Waits. I like. Somit: Locker die CD des Monats August 2013 – wäre sie nicht liegen geblieben.
In eine ähnliche Richtung, aber mit anderem Ergebnis geht Shooter Jennings, wenngleich bei Jennings die Post in Richtung Country-Rock abgeht. Ein paar schöne Songs sind dabei: Durchaus akzeptabel.
Auf einem ganz anderen Mond sind luna*lab zu Hause: Das Projekt von Angela Tröndle und Wolfgang Zamastil featured eigene Songs der beiden, angesiedelt zwischen Jazz und Singer-Songwriting. Bei den WUK-Platzkonzerten konnte man sich live davon überzeugen, dass die beiden ihren eigenen Stil gefunden haben. Charmante Scheibe, klug produziert. Anspieltipp: Das raffinierte "More Than You Can."
Noch eine österreichische Band: Tschok. Fuzzman hat mit aufgenommen, herausgekommen ist vorläufig eine 4-Song-EP, die sich indie-mäßig versponnen gibt - aber durchaus in ihren Bann zu ziehen vermag. Man darf auf das hoffentlich geplante full-length-Album gespannt sein.
Ergänzend dazu könnte man zum Beispiel das neue Album von Siri Svegler hören: Insgesamt bewegen sich die Lieder zwischen Pop und Jazz und mit dem Titelstück "Lost & Found" ist Svegler ein formidabler Ohrwurm gelungen! Repeat, repeat, repeat...
Es gibt MusikerInnen, die konstant Qualitätsarbeit abliefern: Thea Gilmore ist so eine. Bei jedem Album fragt man sich, wann der weltweite Durchbruch a la Heather Nova gelingt. Vielleicht ist es mit "Regardless" soweit. Gilmore liefert glasklare Pop-Song, die Arrangements verwenden auch mal ein Akkordeon oder Streicher. Gilmores Stimme, die schöner ist als jene Heather Novas, trägt die Lieder mühelos.
Brauchbare Durchschnittsware, liefern Uncle Lucius mit "And You Are Me" ab. Ja, das rockt ordentlich, hinterlässt aber - im Gegensatz zu Gilmore - den Eindruck, dass hier einfach das gewisse Etwas fehlt, um die Scheibe interessant zu machen. Angesichts von "Alles Walzer" darf zum Abschluss getanzt werden: The Garifuna Collective liefert dafür den passenden Unterboden. Als Garifunas bezeichnet man jene Nachkommen der afrikanischen Sklaven, die heute in Mittelamerika an der Karibik-Küste leben - von Costa Rica bis Guatemala. "Ayó" bedeutet in deren Sprache "Auf Wiedersehen" und ist leider programmatisch zu nehmen - denn Andy Palacio, der Mastermind der Band, ist nach der Veröffentlichung des ersten Collective-Albums 2007 gestorben. Eine neue Generation von MusikerInnen trägt sein musikalisches Vermächtnis weiterhin in die Welt hinaus. (jpl)

The Garifuna Collective: "Ayó" (7/10)
Thea Gilmore: "Regardless" (9/10)
JC and the Supernumararies: "For What You Seek" (10/10)
Shooter Jennings: "The Other Life" (7/10)
luna*lab: "Calling" (7/10)
Siri Svegler: "Lost & Found" (7/10)
Tschok: "4-Song-EP" (7/10)
Uncle Lucius: "And You Are Me" (7/10)

30 Juli, 2013

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 07/2013

Mit Gelassenheit sitzt Elliott Murphy mit der E-Gitarre auf der Veranda und erzählt Rock'n'Roll-Geschichten von früher. Sehr fein, die Stimme kratzt entsprechend und das Songwriting flutscht nur so dahin und ist zum Teil großartig. Ja, John Wayne kommt gleich im Eröffnungsstück vor! Die Haltung ist ähnlich, aber während Dylan im Spätwerk dahinnäselt, singt Murphy mit etwas rauer Stimme, aber er singt noch - und ist daher die bessere Wahl. "You don't need to be more than yourself", singt Murphy - das ist ihm mit diesem Werk eindrucksvoll gelungen!
Liv Lombardi, die junge Singer-Songwriterin aus New Mexico, befindet sich gerade auf einer kleinen Welttournee, mit im Gepäck: Ihr 2012er Album "Self-Medicate", das 8 feine Songs aufbietet, u.a. angereichert mit Streichern. Am 19. August 2013 gastiert Lombardi zum zweiten Mal in Wien (Carina, 21h, U6 Josefstädter Str., support: The Wichita)
Die Österreicherin Julia Motz siedelt ihre Lieder zwischen Jazz und Singer-Songwriting an. Dank klarer Stimme und geradliniger Produktion könnte diese CD der Soundtrack für den ausklingenden Sommer sein - gut gemacht. (jpl)

Live-Tipp: Mo 19.8.2013: Liv Lombardi, support: The Wichita, Cafe Carina, 21h

Liv Lombardi: "Self-Medicate" (7/10)
Julia Motz: "So Close" (7/10)
Elliott Murphy: "s/t" (10/10)

13 Mai, 2013

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 05/2013

Könnte bitte mal jemand herausfinden, wie viele Tonträger jeden Tag veröffentlicht werden? Weltweit? Gefühlt müssen es mehrere Tausend sein, anders ist es nicht erklärbar, warum so viele Tonträger zu Unrecht liegen bleiben! Die aktuelle Aufarbeitung ergibt Folgendes: Das deutsche Duo Hand in Hand bietet auf "Kuscheln mit dem Riesen" sympathische, jazzig angehauchte Stücke, die die beiden Damen live - so gesehen in Born am Darß 2012 - mit viel Verve darbieten. Live mit Schlagzeug, Klavier und Gesang. Die klugen Lieder thematisieren auch immer wieder das Unterwegssein, etwa "Reis aus Kathmandu" oder "Von Patan nach Lama Tar". Motto: Einfach mit den Riesen kuscheln.
Luke Roberts' Album klingt so: Einer zieht sich auf eine Hütte in den Bergen zurück und schreibt zwei Hände voll Songs. Es ist ein melancholisches Album, Roberts singt mit brüchiger, schwankender Stimme - aber in sich ist das alles sehr stimmig. Sehr reduziert, ab und an wird die Gitarre um Violinen und ein wenig Perkussion ergänzt. Ein Album zum Zurücklehnen und zum Sich- mal-wieder-Gedanken-über-die-Welt machen. Schlicht und schön - ab jetzt bleibt die Scheibe für längere Zeit im CD-Player liegen!
Nicht nur CDs können zu Unrecht liegen bleiben: Auch Bücher. Allemal für einen vergnüglichen Nachmittag vermag der Poet Christian Futscher zu sorgen: Seine Gedichte sind amüsante Miniaturen, genau auf den Punkt gebrachte Beobachtungen, Erlebnisse und Anekdoten. Futscher schreibt etwa ein Haiku: Als ich letztens Paris Hilton/ in Saint Tropez traf/ kaufte ich ihr ein Eis" Überhaupt scheint er - zumindest in der Imagination - ein Reisender zu sein, so ist vielleicht auch der Titel des Gedichtbandes zu erklären: "Marzipan aus Marseilles".
Ebenfalls unterhaltsam - wenngleich komplett anders angelegt - ist das Buch von Eugen Maria Schulak & Rahim Taghizadegan: In "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" rollen die beiden Autoren anhand von Lebensbereichen wie "Bildung", "Beruf", "Umwelt", "Kultur" etc. auf, inwieweit jedeR einzelnE von uns Teil eines Systems - somit Systemtrottel - geworden ist, dass er vielleicht nicht immer aufrecht erhalten möchte. Herausgekommen ist ein satirisches Buch, das augenzwinkernd dazu aufruft, nicht länger SystemerhalterIn zu bleiben. In Bezug auf Geld schreiben sie: "Mehr Geld bekommen wir dadurch, dass es politisch für uns durchgesetzt wird: Jene, die uns bezahlen, sind politisch zu nötigen, uns mehr zu bezahlen; jene, die wir bezahlen, hingegen zu zwingen, immer billiger anzubieten. Woher dieses Geld kommt, darf man nicht fragen." (jpl)

Christian Futscher: "Marzipan aus Marseille" (Czernin Verlag: Wien: 2013, 8/10)
Hand in Hand: "Kuscheln mit dem Riesen" (8/10)
Luke Roberts: "The Iron Gates At Throop And Newport" (10/10)
Eugen Maria Schulak & Rahim Taghizadegan: "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" (Ecowin: Salzburg: 2011, 7/10)

27 März, 2013

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 03/2013

Manche Veröffentlichungen sind nicht liegen Geblieben, sondern einfach mit Verzögerung im Abspielungsdevice gelandet: Der Blonde Engel ist so ein Fall, seine CD mit dem tollen Titel "Sympathy For The Angel" ist schon 2012 erschienen, darauf liefert Der Blonde Engel augenzwinkernde und oft treffende Kommentare zu alltäglichen Beobachtungen: Zu Brillen tragenden Bobos, über Kaffeeverkauf, über das Leben als Musiker und die üblichen Fragen, die einem als Musiker gestellt werden. Ein akustisches Album, das ganz auf die Texte setzt - und das völlig zu Recht, weil die Texte immer wieder ein Lächeln in Gesicht zaubern. Anspieltipp: "What else?", mit dem der Engel auch beim Protestsongcontest 2012 teilgenommen hat. Das Lied ist übrigens auch auf dem vor kurzem erschienenen Sampler "Protestsongcontest 2008 - 2012" enthalten.
Einen Trip auf die dunkle Seite des Herzens bescheren dem Hörer Wovenhand mit der Live-CD "Live at Roepaen" wird Schonkost in Sachen gute Laune geboten, das verlangt mitunter Geduld und gute Nerven. Wenn der Zugang zu dieser Gefühlslage gefunden wird, ergeben sich mit Sicherheit neue Einsichten, vielleicht Bescheidenheit und Demut.
Parallel zum Festival Wean Hean erscheint regelmäßig ein Sampler, der das Festival dokumentarisch abbildet: Vol. 12, die Kompilation zum Jahr 2012 enthält u.a. Beiträge von Trio Lepschi, den Strottern, Ernst Stankovski, Kollegium Kalksburg, Aliosha Biz und - überraschend - von Maria Kalaniemi (SF). Wean Hean 2014 startet am 18. April und dauert bis 16. Mai 2013.
Es gibt viele Bands, bei denen man sich als Rezensent fragt, warum der weltumspannende Erfolg eigentlich ausgeblieben sind: Mount Washington sind so eine Band. Die klingen wunderbar retro, 80ies-style, der Sänger ist im Falsett unterwegs, manchmal krachen die Gitarren so herrlich, dass sich jedes Stadion von Happel bis Maracana über diese Band freuen würde. Ein bisschen Elektronik ist auch dabei, als Vorgruppe von U2 könnte man sich Mount Washington gut vorstellen - aber eben nur als Vorgruppe. Liegt alles wie immer am Songwriting? Vermutlich. Dennoch: Eine gute Scheibe, die zu entdecken sich allemal lohnt.
Auf seinem gefühlten vierten Album in drei Jahren lässt Ernesty International die kleine Katze aus dem Sack: Er mag The Beatles. Dennoch: Seit Jahren arbeitet Ernesty International als Non-Profit-Organization im Musikbereich daran, gegen globale und individuelle Indifferenz zu kämpfen. Eine ehrenwerte Aufgabe, die dank der sorgsamen Produktion - an den Reglern saß bei den Aufnahmen wieder Bruder Martin Tiefenthaler - und der guten Songs sehr gut erfüllt wird. Und wie bisher auch, bastelt E.I. auch mit "Ernesty IV" an seiner eigenen Indie-Pop-Welt.
Durchaus ähnliche Ansätze verfolgt Tombeck, wenngleich mit gänzlich anderen Mitteln: Statt Indie-Pop bewegt sich Tombeck im Umfeld des Austropop, Vorgängerbands des Wieners waren als Nachfolge von Ambros & Co. angelegt. Die Lieder auf "Freude" haben inhaltlich sozial-politische Ansätze - wenn Ernesty eine internationale NPO ist, dann ist Tombeck eine lokale NPO, die man demnächst (3. Mai 2013, Schutzhaus Zukunft) mit Kollegen wie Günther Mokesch und Andy Baum live sehen kann. (jpl)

Der Blonde Engel: "Sympathy For The Angel" (8/10)
Ernesty International: "Ernesty IV" (8/10)
Mount Washington: "Mount Washington" (7/10)
Tombeck: "Freude" (8/10)
VA: "Protestsongcontest 2008 - 2012" (8/10)
VA: "Wean Hean Vol. 12" (8/10)
Wovenhand: "Live at Roepaen" (7/10)

07 Januar, 2013

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (01/2013)

Am Beginn des Jahres passiert endlich wieder die Aufarbeitung der Vergangenheit, denn einige Bands sind einer Rezension bisher entgangen - zu Unrecht. Southerly aus Portland, Oregon etwa. Obwohl der Name rurales Liedgut vermuten lässt, gibt das Ein-Mann-Unternehmen Krist Krueger mit dem dritten Album entspannte Indie-Popmusik auf gutem Niveau. Dank der markanten Stimme Kruegers und der durchweg guten Songs, ergibt sich sofort ein wohlwollender Eindruck, Lieder irgendwo angesiedelt zwischen Lagerfeuerromantik und Stadiontauglichkeit. Anspieltipps: "Sacrifice", "Lust" bzw. "The End Of Adolescence", das sind immerhin drei von zwölf Liedern, die im Gedächtnis bleiben sollten und übrigens auch als Vinyl gekauft werden können.
Ebenfalls aus Portland, Oregon stammt Shelley Short, sie war in den vergangenen Jahren fleissig auf Tour in der ganzen Welt unterwegs. Short schreibt ihre Songs über eigenen Erfahrungen des Aufwachsens in einem kreativen Umfeld, umgeben von Büchern und Musik. Reduzierter Singer-Songwriter-Pop ist die auf CD gepresste Essenz, Shorts Stimme erinnert an Iris Dement. Als MitmusikerInnen hat sich Short u.a. Nate Query und Rachel Blumberg von The Decemberists ausgeborgt, herausgekommen ist ein schönes auf der ruhigen Seite des Lebens stehendes Album.
Ähnliches wie Southerly, wenn auch weniger spannend, bieten Joshua: Auf "Choices" rumpelt es ordentlich dahin, aber irgendwie fehlt die zwingende Melodie, die sich sofort in den Ohren oder im Herzen festsetzen könnte. Da nützt es auch nicht viel, die Stimmen durch ein Megaphon zu jagen - das ergibt unter dem Strich nur durchschnittliche Qualität, Jungs.
Viel interessanter: Buddy & The Huddle, die 2004 ihr letztes Album veröffentlicht haben. Das seit April 2011 liegen gebliebene Werk "Farrago" ist ein bescheidenes Teil, das auf Gesangsstimmen meist verzichtet und mit einer der Titelnummer loslegt, die als Filmmusik geeignet wäre: Autoverfolgungsjagd in Zeitlupe oder Rinder auf die Weide treiben in Cinemascope. Track 2 "The Girls At Jo's" verweist mit den Bläsern schon in Richtung Süden, und womöglich bis auf einen der traurigen Grenzorte, El Paso, Texas oder auf der anderen Seite Ciudad Juárez, México. Die Bläser weinen dahin und immer mehr schwingt sich die E-Gitarre ein, großartig. Als Inspiration für dieses Konzeptalbum - das beinahe zur Gänze instrumental bleibt - diente Buddy & The Huddle übrigens Yann Apperys Buch "Das zufällige Leben des Homer Idlewild" (2005, Berlin, Aufbau Verlag), das einen Anti-Helden abbildet. Einerseits ist es in diesem Fall Schade, dass das Album so lange liegen geblieben ist, andererseits macht das Entdecken umso mehr Freude! Ein Album, das mit ähnlicher Sturheit daherkommt wie man sie von The Handsome Family oder The Feelies kennt und das im CD-Regal bescheiden einen Platz zwischen den Calexico, Giant Sand und CDs der genannten einfordert.
So richtig die Sau lassen Feet Fall Heavy heraus: Hier wird alles verbraten, was Spaß macht. Geräusche werden in die Stücke eingebaut, es kracht und scheppert, die üblichen Popmusik-Hörgewohnheiten werden auf die Probe gestellt und zum Teil aufgelöst - das ist gut so. Insgesamt wirkt das Teil aber doch etwas zu zerfleddert, das ergibt in Summe nur eine Durchschnittswertung.


Buddy & The Huddle: "Farrago" (8/10)
Feet Fall Heavy: "Kill it Kid" (4/10)
Joshua: "Choices" (5/10)
Shelley Short: "Then Came The After" (7/10)
Southerly: "Youth" (8/10)

07 Mai, 2012

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (05/2012)

Beth Jeans Houghton ist kein normaler Popstar, der sich anschickt die Welt mittels Musik zu erobern: Glaubt man der Presseinfo, dann ist sie mehr eine Seherin, die mit der seltenen Krankheit Synästhesie geboren wurde, dadurch nimmt sie Zahlen, Worte und sogar Musik als eine Abfolge von Farben wahr. Dass sie mit Autoritäten wie Schule (letztlich geschmissen) deshalb auf Kriegsfuß steht, verwundert nicht. Houghton kauft sich mit 15 eine Fender Stratocaster und legt nun mit 21 Jahren ihr Debütalbum vor, es ist ein Album wie ein trip - obgleich ein good trip, Suchtgefahr inklusive: Singer-Songwriting mit außergewöhnlichen Arrangements gibt den Unterboden für Houghtons klare Stimme. Ein verspieltes Album, das auch mal eine Querverbindung zur klassischen Musik hinzieht und sich herrlich abseits von allen Pop-Mechanismen präsentiert. Bunt und außergewöhnlich.
Man kann seiner Zeit voraus sein oder hinterher hinken - im paradoxen Fall der nächsten CD gilt beides. Der Sampler "Celtic Christmas" versammelt Weihnachtslieder, die auch an einem trüben Tag im Mai funktionieren. So dezent und sorgsam aufbereitet kommen die 11 Stücke daher, dass man getrost von zeitlos sprechen kann - und daher ist der Hinweis auf diesen fein befüllten Sampler als Vorabinfo zu sehen - alle Jahre wieder, eh schon wissen.
Die nächste CD am Stapel ist im August 2011 erschienen und stammt von Zwanie Jonson, der singt lustigerweise gleich am Beginn des ersten, den Album-Titel gebenden, Songs "I like rain on christmas-eve" (siehe einen Absatz höher). Der Schlagzeuger Jonson (Die Fantastischen Vier, Fettes Brot) ist ein Tausendsassa, der seine eigenen Songs auch selbst aufnimmt und produziert: Sehr relaxed kommt diese 10-Song-Sammlung daher, die Presseinfo spricht von JJ Cale, spätestens beim Song "Moonmad" schiessen Vergleiche zu Bill Pritchard oder Tom Verlaine durch den Rezensentenkopf - nicht die schlechtesten Referenzen. "Golden Song" (Track 6) ist ein toller nach vorwärts drängender Pop-Song, zum Verkürzen der Wartezeit bis zum nächsten Weihnachtsfest somit bestens geeignet.
Den perfekten Soundtrack für urbane Slacker schaffen VCMG, die früher gemeinsam bei Depeche Mode werkten: Martin L. Gore und Vince Clarke bleiben bei ihren Leisten, schaffen Musik für die Zeit zwischen 1 und 4 im Elektroschuppen, in der man zu jeder Musik einfach tanzen muss und so heißt es zu VCMG anno 2012: Ab auf den Dancefloor und woki mit'n popo! (jpl)

Beth Jeans Houghton: "Your Truly, Cellophane Nose" (Mute/GoodToGo, 8/10)
Zwanie Jonson: "I'm A Sunshine" (staatsakt/Mute, 8/10)
VA: "Celtic Christmas" (Putumayo/Hoanzl, 8/10)
VCMG: "SSSS" (Mute, 6/10)

30 März, 2012

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (03/2012)

Die neue Scheibe von Isgaard featured den von London aus agierenden Elektroniker Curfew. Herausgekommen sind mal Elektro-Pop-Stücke mit Breitwand-Strahlkraft, die durchaus an Kosheen erinnern. Dann sind es wieder ruhig-verträumte Stücke, insgesamt eine Mischung, die einen immer weiter hören und eintauchen lässt. Einfach schön!
Ganz anders lässt sich die neue Scheibe von Reno an: Elektronik-Gezirpe, das sich ob seiner Beatlastigkeit in der Rave-Szene der 1990er-Jahre verorten lässt. Dass man dazu um 3 Uhr früh, unter Einsatz von kleinen Pillen, perfekt abtanzen kann, ist gut vorstellbar. Aus den Boxen des Rezensenten kommend, wird das leider schnell anstrengend, aber: Auf die richtige Umgebung kommt es an.
Auch das hat in dieser Kolumne Platz: Ein Sampler, der von irgendwoher kam und unter dem Titel "The Forbidden 80s" elektronische Musik in allen möglichen Variationen versammelt: Von Entspannungskasette bis verspielt, bis beatlastig oder anstrengend (der Beitrag von Steno), aber in jedem Fall interessanter als Reno - und mitten drin ein Track von Sergej Mohntau aus Österreich. Da die Stücke fast alle aus den Jahren 2003-2005 stammen, könnte dieses Teil Rekordhalter sein und schon lange liegen geblieben sein.
Das kleine Wiener Label Ernesty Music Group trumpft mit seinem ersten Release gleich ordentlich auf: Die Alleinunterhalterin Eloui - vormals eloui f - hat alle Stücke geschrieben und komplett selbst eingespielt: Von Ukulele bis Klarinette und allerhand Elektronik-Zeug. Herausgekommen sind durchaus einnehmende Elektro-Pop-Stücke, die man so nicht jeden Tag zu hören bekommt - bei aller Verspieltheit schimmern auch immer feine Melodien durch - somit ein spannendes Debüt.
Spannungen vermag auch der Gitarrist Martin Philadelphy aufzubauen: Ohne Rücksicht auf Moden oder Strömungen setzt er konsequent seine musikalischen Visionen um - die Tracks rumpeln rockig, legen dann wieder Pausen ein und zeigen einen Musiker, der seine Qualitäten voll ausspielen kann, featuring Chris Janka (Bass) und Gustavo Costa (Drums, Percussion). Tolles Teil mit stimmigem Artwork. (jpl)

Curfew meets Isgaard: "The Trip" (Art Of Music, 8/10)
Eloui: "Chasing Atoms" (EMG, 7/10)
Martin Philadelphy: "Trensch" Delphy (Entertainment Records, 8/10)
Reno: "s/t" (Fluxrecords, 4/10)
VA: "The Forbidden 80s" (Mr. Mutt Records, 5/10)

07 Februar, 2012

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (02/2012)

Die Februar-Ausgabe dieser Rubrik liefert zum Teil Musik für Tage wie diese, an denen es draußen ganz kalt ist. Tatsächlich im Postfach liegen geblieben - und das zu Unrecht, weil zufällig - ist die CD von Prenner: Der liefert mit Unterstützung von ein paar Kollegen zehn Versionen von Pop-Rockmusik - file under Ballade - ab; auch wenn es vor allem am Anfang mal rockig wird. Prenner gibt sich für seine Popvariante gerade mal 30 Minuten Zeit. Diese Veknappung ist sehr wohl tuend und unanstrengend, auch weil die Songs die Seele gekonnt zu streicheln vermögen und z.B. mit "Monica" einen veritablen Ohrwurm aufwarten.
Im August 2011 ist die CD von Les Machines Molles erschienen: Der Bandname referenziert auf den Musiker Robert Wyatt, hinter dem Projekt Les Machines Molles steckt Wolfgang Pollanz, der Mastermind des steirischen Labels pumpkin. Die 10 Songs bewegen sich zwischen Elektropop und Rock und wurden mit 3 Ausnahmen alle von W.P. geschrieben, einmal vertonen Les Machines Molles William Blake. Für Gesang und andere Beiträge (etwa Mundharmonika) hat sich der Mastermind einige der Label-KünstlerInnen ins Studio geholt, u.a.: Son Of The Velvet Rat, Forenbacher oder die Sängerin Rebecca Hofer. Ja, elektronisch. Ja, Tanz ist auch möglich.
Ähnlich ist Annakin aus der Schweiz unterwegs: Auch hier wird elektronische Popmusik aufbereitet, die Bässe wummern auch mal ordentlich dahin, in der Großraumdisco um zwei Uhr früh ist fröhliches Abtanzen angesagt. Die Melodien sind durchaus zwingend, alles sauber produziert. So richtig wird man mit dieser Pop-Synthie-Version aber einfach nicht warm. Liegt's an der Kälte draußen? Vielleicht weil man unweigerlich an Meisterwerke wie Human Leagues "Dare" denkt, das auch dreissig Jahre nach Erscheinen noch immer Gültigkeit hat. Annakin auf Tour in Österreich: 22.02. Graz, Scherbe, 23.02. Wien, Fluc, 24.02. Villach, kulturhofkeller, 25.02. Salzburg, Corner, 27.02. Innsbruck, Weekender.
Mit fünf Monaten Verzögerung landen A Winged Victory For The Sullen im CD-Player - und das macht nichts, denn das Album "ist von zeitloser Schönheit. Adam Wiltzie und Dustin O'Hallaran legen ganz ruhig los, mit einigen wenigen Klavierakkordeon, mit Streichern und viel Hall unterlegt gleitet das Eröffnungsstück "We played some open chords and recoiced for the earth had circled the sun yet another year" ausufernd dahin. Damit ist die Richtung vorgegeben, mit derselben Ruhe geht es weiter, die CD ist gleichsam ein symphonisches Werk, dem man Momente, ja Stunden der Kontemplation abgewinnen kann. Aufgenommen wurde unter anderem in ehemaligen DDR-Radiostudios in Ostberlin oder in der Grunewald Kirche in der deutschen Hauptstadt. Gut, dass die komplett analog produzierte CD liegen geblieben ist, sie scheint just für Tage geschaffen, in denen Hochdruckgebiet Dieter für eisige Temperaturen in Mitteleuropa sorgt. Also: Warm anziehen und die Seele mittels dieser Musik erwärmen; es ist scheißkalt da draußen.
Das absolute Gegenprogramm: Kung Fu Kitty geben uns Dodeln vom ersten Takt an Gas. Die E-Gitarren rocken dahin, die Songs dröhnen, live fährt einem diese Sause sicherlich ein. Wer trotzdem nicht aufgewärmt wird, der kann ja zu einer der anderen vorgestellten Scheiben greifen. In jedem Fall gilt dank Dieter: Ab unter die dicke Tuchent oder wenn man doch ins Freie muss: Warm anziehen, Zwiebelsystem, you know, schließlich ist es scheißkalt. (jpl)

A Winged Victory For The Sullen: "s/t" (7/10, Erased Tapes/Indigo)
Annakin: "Icarus Heart" (5/10)
Kung Fu Kitty: "Unleashed" (The Arcadia Agency/Hoanzl, 5/10)
Les Machines Molles: "Before Memory's Gone" (6/10, pumpkin/Trost)
Prenner: "s/t" (8/10, Marlene Music/Hoanzl)

02 Januar, 2012

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (12/2011)

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (12/2011) Am Ende des Jahres also die große Aufarbeitung. Vieles wurde in diesem Jahr gewürdigt, mit bis zu 8, 9 oder gar 10 Punkten bedacht. Trotzdem: Manche Scheiben sind der Bewertung bisher entgangen. Und gleich der Freispruch: Nicht immer ist ihr Rezensent daran Schuld. Beispiele?
Das Album "Dance With A Statue" der lässigen Wiener Band wemakemusic* stammt aus 2009 und hat es erst im Herbst 2011 geschafft, in die Hände zu fallen. Macht nichts, denn das Album ist so fein produziert, dass es sich um zeitlose Qualiätsware handelt, oszillierend zwischen Indie-Pop und Indie-Folk. Gut abgelegen, sozusagen - daher auch aus der Distanz von 2 Jahren weiterhin gültig.
Das würde man in einem Jahr auch schon von "Floating", der CD der Band Skyside sagen. Bei deren CD-Präsentation im November 2011 haben wemakemusic* als Vorgruppe agiert - daher fiel auch die überfällige CD zu. Skyside zeigt eine gut eingespielte Band, mit herausragender Sängerin Katrin am Mikro. Die ist inzwischen ins Nachbarland gewechselt, ob Skyside ihre gelungene Folkvariante live weiterführen werden, ist noch offen - die neue Sängerin hätte jedenfalls das Potenzial in die Fußstapfen der Vorgängerin zu treten. Man darf darauf hoffen; Skyside ist eine überdurchschnittlich gute Band, um die es allemal schade wäre.
So, jetzt aber schnell mal raus mit Sóley aus dem CD-Player: Denn bereits seit September 2009 ist My Awesome Mixtape am Schreibtisch von einer Seite zur anderen gekugelt. Völlig zu unrecht, wie sich schon nach wenigen Minute zeigt. Die Band aus Italien - von dort ist ja kaum mal etwas zu hören - liefert ihre mit viel Pop-Appeal versehene Mischung aus Synthie-Klängen, Mitsumm-Chören und eingängigen Refrain-Hooklines ab. Nicht ganz falsch zieht die Presseinfo eine Linie hin zu They Might Be Giants! Feines Teil, das mit "How The Feet Touch The Ground" einen Ohrwurm beinhaltet, der demnächst auch beim DJing zum Einsatz kommen sollte.
Nur zwei Monate liegen geblieben - und auch das zu Unrecht - ist das neue Album von Yann Tiersen. Klar, den Name kennt man inzwischen, ist das dann schon Mainstream? Wahrscheinlich, ist aber eigentlich auch wurscht. Hauptsache das siebente Studioalbum rockt ordentlich - und das tut es vom ersten Track an. Aufeinander getürmte Synthie-Klangschichten werden mit E-Gitarren unterfüttert und dann liegen auch noch Chöre darüber (Track 2: "I'm Gonna Live Now"). Aufgenommen wurde rund um die Welt (von Frisco bis Paris), artifiziell und verspielt gibt sich die Scheibe auch gerne und das steht ihr gut an. Ingesamt: Trotz aller Brüche vermag Tiersen einen Sog zu erzeugen - überraschend.
Das Label Beste!Unterhaltung hat sich in den letzten Monaten insbesondere durch die Veröffentlichung von Gudrid Hansdóttirs Platten einen Namen gemacht: Nun liefert dort in 9 Aufzügen die Nürnberger Band Punch & Nerves ihre Version von Bass-Gitarre-Schlagzeug ab: Herausgekommen ist braver Indie-Pop, bei dem statt der E-Gitarre die akustische Klampfe von Sängerin Linda Rum ordentlich rockt. Eine Scheibe für die besinnlichen Momente zum Jahresende hin.
Das gilt auch für diese CD, dieses Mal mit E-Gitarre: Der Gitarrist Reinhard Schraml hat ein formidables Trio gebildet (Matthias Bublath: Hammond B3, Peter Kronreif: Drums) und spielt sich entspannt durch eigene Jazz-Stücke. Covers von Sonny Rollins und Miles Davies "Milestones" sind auch dabei. Chillig!
Bevor es zu besinnlich wird - völlig unverständlich, dass die nächste CD so lange liegen geblieben ist: Trotz ansprechendem Cover, Titel und ansprechenden ProtaganistInnen: In personam Chris Eckman und Rupert Huber. Ihr Projekt L/O/N/G hat heuer mit "American Primitive" ein tolles Album zwischen Singer-Songwriting, Americana und Klangcollage mit ein bisschen Soundtüftelei - das darf dank R. Huber auch sein - vorgelegt. Erstaunlich ist daran: Alles wirkt so organisch, als spielten die beiden schon ewig miteinander.

L/O/N/G: "American Primitive" (Glitterhouse, 8/10)
My Awesome Mixtape: "How Could A Village Turn Into A Town" (Rewika, 7/10)
Punch & Nerves: "In Vivid Colours" (Beste!Unterhaltung, 6/10)
Reinhard Schraml Trio: "Muerrer spannt aus" (Rola/Pate, 6/10)
Skyside: "Floating" (Floorspot, 8/10)
Yann Tiersen: "Skyline" (Mute, 8/10)
wemakemusic*: "Dance With A Statue" (monkey, 7/10)

Die 10 besten Konzerte des Jahres 2011:
1) Azure Ray (chelsea)
2) Lisa Germano (haus der musik)
3) Rucki Zucki Palmencombo (heureka)
4) Son Of The Velvet Rat (wuk)
5) Sóley (rhiz)
6) Tinariwen (wuk)
7) Arstidir (theater am spittelberg)
8) Harlequins Glance (replugged)
9) Hotel Palindrone (wuk)
10) Norb Payr (heureka)
10) Tori Amos (stadthalle)
10) CC*OO (kohi)

06 Juni, 2011

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (Juni 2011)

Mit starker Wien-Connection ist Bettina Kösters Album "Queen Of Noise" entstanden: Alexander Nefzger hat produziert, Bernhard Moshammer hat Gitarren eingespielt und erschienen ist das Teil bei Asinella. Eröffnet wird mit einer Beatles-Covernummer ("Helter Skelter"), Köster singt mit Bass-Stimme, kratziger, rauchig, ein wenig wie Marianne Faithful. Dazu passt dann auch das nächste Cover: "Femme Fatale". Ein Album, das auch dunkle Momente hat, Stücke wie "Pity Me", bei dem der Bass pumpt wie der Herzschlag, 120 bpm.
Dagegen ist Tom Gillam einer Rocker der alten Schule und legt mit "Better Than The Rest - An Anthology" eine Best-Of-Sammlung vor: Schnörkellose, einfache Songs, klar gespielte E-Gitarren, in Songs über Mädchen von der High School ("High") und über zwei barflies in Nashville, Tennessee. "Ich habe mich immer gefragt, was aus diesem Mädchen geworden ist, sie war lustig und sie war verrückt", sagt Gillam über "High" - der C-Teil ist dabei musikalische Ehrensache, ebenso die Country- und Blues-Anklänge (eine der Höhepunkte des Albums: "Every Morning"). Tipp: Unbedingt bis zu Ende hören, denn dort versteckt sich der schöne Country-Rock-Song "Long Way Home".
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Mike Doughty auf "Sad Man Happy Man", wenngleich seine Bezugspunkte mehr bei irischer Musik als bei Country-Rock liegen. Die angedeutete Rauheit Gillams gibt es bei Doughty zwar nicht, aber die Songs haben durchwegs Klasse - eine erfreuliche Überraschung.
Weltmusik aus Wien: Der in Österreich lebende Balafon-Spieler Mamdou Diabate legt mit "Kanuya" ein Album vor, das - wie er in den Linernotes anmerkt, die "schönsten musikalischen Erlebnisse meiner musikalischen Erlebnisreise" versammelt - mit dabei ist u.a. Wolfgang Puschnig und die Truppe Studio Percussion Graz - bemerkenswert.
Ohne Vorschusslorbeeren und Vorurteilen in den CD-Player, das ist der kleine Vorteil den Never-Heard-Bands bei Rezensenten haben: La Stampa "Pictures Never Stop" zeigt die Band aus Hamburg(?) machen Retro-80ies-Pop, mit Ansätzen von Gitarren- bis Synthie-Pop. The Human League treffen auf The Jeremy Days, oder so. Die Texte sind meist in englischer Sprache, drei von elf Mal auf Deutsch. Musikalisch wie inhaltlich muss man zu La Stampa sagen: Chance nicht ganz genützt und somit weiterhin bestehend.
Eines noch, der Rest bleibt zu Unrecht bis Juli liegen - ein Monat mehr oder weniger ist jetzt auch schon wurscht: Gar nicht nett, nämlich "We Are Terrorists", nennen My Name Is Music ihr heuer erschienenes Album, das von Gitarren und elektronischen Sounds gespeist wird. Man versucht starke Sätze als Songtitel vom Stapel zu lassen (z.B. "Pop Is Dead", "Rock'n Roll Is Mono", "I Don't Need Your Sympathy"), aber irgendwie kommt einem das alles viel zu bekannt vor und vermag nur in wenigen Momenten zu überraschen. Ja, zu loben ist die Stimme von Phoebe Hall - ansonsten ein durchschnittliches Pop-Album. (jpl)

Mamadou Diabate's Percussion Mania: "Kanuya" (Extraplatte, 7/10)
Mike Doughty: "Sad Man Happy Man" (ATO Records, 2009, 6/10)
Tom Gillam: "Better Than The Rest - An Anthology" (Blue Rose/Hoanzl, 2010, 8/10)
Bettina Köster: "Queen Of Noise" (Asinella/Hoanzl, 2007, 7/10)
La Stampa: "Pictures Never Stop" (staatsakt/Roughtrade, 2010, 4/10)
My Name Is Music: "We Are Terrorists" (Pate/Hoanzl, 2011, 4/10)

11 Februar, 2011

Zu Unrecht liegen Gebliebenes (02/2011)

Der Rezensenten-Alltag bringt es mit sich, dass nicht immer alle Veröffentlichung rechtzeitig zum VÖ-Datum besprochen werden können: Zu viele CD werden auf die Welt losgelassen - wer soll das alles noch hören? Diese neue Rubrik schafft Abhilfe und entschuldigt sich gleichzeitig dafür, dass manche CD zu Unrecht liegen gebliebenen sind.
Beginnen wir mit Natalie Merchant: Sie ist gleich die Ausnahme, denn die Promo-CD, die Teile der Doppel-CD "Leave Your Sleep" vorstellt, war aus nicht geklärten Gründen über Wochen nicht auffindbar. Merchant liefert ein Meisterwerk ab, in dessen Mittelpunkt wie immer ihre einzigartige Stimme steht. Musikalisch hat sie neue Wege beschritten und so sind hier neben opulenten Streichersätzen auch Cajun- oder Roma-Einflüsse zu vernehmen - Merchant hat sich mehr als 130 MusikerInnen ins Studio geholt, etwa The Klezmatics oder The Chinese Music Ensemble New York. Die CD vertont die Werke von DichterInnen, zurückgenommene Stücke wie auf Merchants noch immer gültigen Ophelia-Album gibt es hier auch. Großartig!
Ebenfalls bunt gemischt: "Editor's Selection Vol. 01", kompiliert vom Musikmagazin uptown strut, das sich als Medium für so genannte Black Music im deutschsprachigen Raum etabliert hat: Szenegrößen wie Quantic & his Combo Bárbao wurden KünstlerInnen aus Deutschland (Mo' Horizons, Una Mas, Hi Fly Orchestra) gegenüber gestellt. Gut kompiliert - man darf sich auf Teil 2 dieser Reihe freuen!
Eine ganz andere Baustelle: Zwei Japaner in München machen auf ihrer neuen CD "Ensoku" unter dem Namen Coconami wieder auf charmanteste Weise Musik - getragen von der lieben Ukulele covert man beherzt bayrisches Liedgut ("Sternpolka", "Boarischer in CD") und Popstücke wie "Sweet Child O' Mine" von Guns’n’Roses. Diese Mischung aus Hinterfotzigkeit und lustiger Ernsthaftigkeit ist unterhaltsam und funktioniert wunderbar. Noch ein Tipp: Die Band unbedingt mal live ansehen - da ist meist auch eine Spielzeugtrommel im Einsatz!
Frankophile aufgepasst: Die Reihe "Le Pop" versammelt zum sechsten Mal Chansons der aktuellen SongwriterInnen-Szene von Paris, Frankreich bis Quebec, Kanada. Hier gibt es Old-School-Chansons ebenso wie Vermischungen mit Pop- und Rock (Emamanuelle Seigner mit "Dingue") und sogar Americana-Beeinflusstes (Tom Poisson mit "Trapéziste") und die blutjunge Singer-Songwriterin von Coeur de Pirate. Eine Zusammenstellung die Spaß macht und Lust auf eine Reise nach Montreal macht - oder wenigstens nach Montpellier. Qui, qui!
Ja, ja, zugegeben: Manchmal entscheidet auch die Covergestaltung darüber, ob eine CD im Stapel der zu rezensierenden CDs unaufhörlich weiter nach unten rutscht - um irgendwann doch an die Oberfläche gespült zu werden. So ist es mit CD von Joan Armatrading "This Charming Life" geschehen. In den 1980er-Jahren trieb sich die Dame gar in Hitparaden herum, das ist mit dem neuen Album zwar nicht gelungen, aber das liegt nicht an der Qualität des Dargebotenen: Das fast im Alleingang produziert Album besticht durch die Produktion und die Songs, die sofort ins Ohr gehen, mal kraftvoll und rockig, aber auch mal zurückgenommen - immer mit Verve, somit ein gutes Spätwerk!
Ähnliches gilt für die Doppel-CD von Sigi Maron: Seit langem gibt es hier wieder Mal neue Lieder des Alt-Austro-Poppers, das Überraschende daran ist, dass die Lieder vom Songwritertum österreichischer Old School entstaubt wurden und eher in einer Mischung aus Reggae und Rap daher kommen. Klar, die Texte sind deutsch bzw. Wienerisch und kämpferisch und ironisch wie immer - so kommt schon mal Silvio Berlusconi in einem der Stücke vor. CD 2 dieses Dopplers versammelt altes aus den Jahren 1976 bis 1996. Empfehlung für Austropop-HistorikerInnen. (jpl)

Natalie Merchant: "Leave Your Sleep" (Nonesuch), www.nataliemerchant.com
VA: "Zu klein. Zu fett. Zu schwarz. Zu alt." (uptown strut/GrooveAttack),
Coconami: "Ensoku" (Trikont/Lotus), www.myspace.com/coconami
VA: "Le Pop 6" (Le Pop Musik/GrooveAttack), www.lepop.de
Joan Armatrading: "This Charming Life" (Hypertension), www.joanarmatrading.com
Sigi Maron: "Es gibt kan Gott" (monkey/Hoanzl)